Navigation

Sonntag, 7. August 2016

Kurzgeschichte: Let her go Part 2

Kapitel 1: Let her go

Kapitel 2 

Selina war müde. Der Abend war unglaublich anstrengend gewesen und nun war sie froh, endlich aus dem Kleid und in ihre kurze Pyjamahose und das Top schlüpfen zu können.
Sie hatte sich bereits abgeschminkt und machte einen Abstecher in die Küche, um noch etwas Wasser zu trinken. Ein schwaches Licht brannte in der Küche, ein Oberlicht der Kochzeile und sie schenkte sich Wasser in ein Glas, während sie nachdenklich vor sich hinstarrte.
Der ganze Abend war surreal verlaufen.
Die ganze Aufmerksamkeit war sie nicht mehr gewohnt, aber es war auch schön gewesen, wieder so im Mittelpunkt zu stehen. Sie brauchte das nicht, aber es erfreute sie immer wieder, wie sehr ihre Mode doch zum Alltag der Londoner gehörten, sodass auch sie selbst unwillkürlich fixiert wurde und das Interesse der Leute weckte.
Wenn die Menschen sie mochten, dann auch ihre Kollektionen, oder?
Und dann war da noch Andrew de Wynter.

Der Mann, dem sie einst ihr Herz geschenkt und der es in kleine Stücke zerrissen hatte, statt es aufzubewahren und wie einen Schatz zu hüten. Nun, vielleicht war ihr Herz das gar nicht wert? Vielleicht sollte es einfach nicht sein, dass ein Mann und dazu auch noch ein Gestaltwandler, solche Gefühle für sie hegte.
Bei diesem Gedanken zog sich ihr Herz zusammen und sie rieb sich über die Brust.
Nein! Sie war alles wert!
Jeder Mann konnte froh sein, wenn sie ihm einen Bruchteil ihrer Aufmerksamkeit schenkte, da sollte man sich geehrt fühlen.
Selina nickte sich bekräftigend zu, doch eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf wollte einfach nicht verstummen.
Wieso hat er dich dann nicht angesprochen? Wieso hat er dich nur die ganze Zeit beobachtet, aber nicht eingegriffen? Du hast vor seinen Augen mit anderen Männern geflirtet, ihnen schöne Augen gemacht, dich sogar auf einen kleinen Tanz eingelassen. Und er? Er hat sich im Hintergrund gehalten und nur beobachtet. Früher, da hätte er eingegriffen, wäre rasend vor Eifersucht geworden und dich sofort von jedem Mann, dem du zu viel Zeit widmest, sofort weggezogen oder zumindest dazu getreten, damit sich der keine falschen Hoffnungen machen kann. Und jetzt?
„Jetzt ist es ihm egal und mir sollte seine Reaktion auch egal sein!“, schimpfte sie mit sich selbst und versuchte damit diese nervige Stimme zu ersticken.
Mit einem langen Zug leerte sie ihr Wasserglas und stellte es in die Spüle. Keine Lust heute noch irgendetwas abzuwaschen.
„Wessen Reaktion sollte dir egal sein?“
Selina wirbelte herum und sog scharf die Luft ein.
Da stand er, nur mit einer Jeans bekleidet, die ihm tief auf der Hüfte saß, eine Hand lässig in der vorderen Jeanstasche, die andere hielt ein schwarzes Hemd, das er sich über die Schulter geworfen, aber nicht angezogen hatte.
Er musste als Katze unterwegs gewesen sein und hatte sich an ihrem Vorrat für ihn bedient, den sie noch immer nicht geschafft hatte, weg zu räumen.
Ihr Blick wanderte von seinen ansehnlichen Bauchmuskeln weiter nach oben, bemerkte, dass seine Schultern noch etwas breiter geworden waren, dass er mehr an Muskelmasse zugelegt hatte und schluckte schwer, als sie ihm direkt in die eisig blauen Augen sah.
„Deine“, antwortete sie schlicht, als sie endlich ihre Stimme wiederfand.
Sie konnte beobachten, wie Drews linke Augenbraue spöttisch nach oben zuckte. So, wie er es immer tat, wenn ihn eine ihrer Antworten amüsierte und das machte sie wütend.
Wütend, weil er einfach in ihrem Haus auftauchte, als hätte er ein Recht dazu. Wütend, weil er sich die Frechheit herausnahm, an ihren Gedanken teilhaben zu wollen.
Und noch wütender machte sie dieser selbstgefällige Ausdruck und das Grinsen auf seinen Lippen, als wüsste er, was sie dachte.
"Soso? Meine Reaktion soll dir egal sein? Wurmt es dich, dass ich dich heute frei habe rumspazieren lassen, obwohl du so schamlos mit jedem geflirtet hast, der halbwegs gut aussah?"
Drew legte gelassen das Hemd über eine Stuhllehne zu seiner Rechten und kam mit langen, kraftvollen Schritten zu ihr. Seine Bewegungen waren anmutig, katzengleich und verrieten ihr, dass er noch immer so gefährlich war, wie früher, wenn nicht sogar noch etwas mehr.
Sie bewegte sich keinen Zentimeter von ihrem Platz weg, obwohl er sie überragte und sie ansah, als wäre sie sein nächtlicher Snack.
„Nein, du Arsch. Ich bin ganz froh drum, dass du mich ignoriert hast, denn so konnte ich wenigstens etwas Spaß haben! Deine ganzen Eifersuchtsattacken waren nämlich immer lächerlich und kindisch. Und jetzt beweg deinen Hintern wieder aus meinem Haus! Du hast hier nichts verloren!“
Schneller, als sie reagieren könnte, drängte er sie gegen die große Kühlschranktür, sein Körper hart und heiß an ihrem.
Japsend sog sie die Luft ein, als Drew sie einfach hochhob und schlang automatisch ihre Beine um seine Hüften.
Wie oft waren sie in dieser Position gewesen, wenn sie gerade in Stimmung war? Und nun?
„Du wagst es, mich so zu berühren? Hast du sie eigentlich noch alle beisammen? Lass mich sofort los, du Mistkerl!“
Nur mühsam gelang es ihr, ihre Stimmlautstärke nicht zu erhöhen, denn sie wollte niemanden wecken.
Selina holte aus und wollte ihm einen Schlag gegen die Schulter verpassen, doch dazu kam es gar nicht. Drew fing ihre Hand ein, genauso die andere, während er sie alleine mit seinem Körper weiter an die kühle Tür gepinnt hielt.
Lasziv grinsend und begeehrend  – Oh Himmel, oh bitte hilf, dass sie das überstand, ohne schwach zu werden! – schob er ihre Arme langsam nach oben und umgriff ihre Handgelenke mit einer Hand, hielt sie so davon ab, noch einmal nach ihm auszuholen.
„Du weißt, ich liebe es, wenn du dich etwas sträubst. Und dabei entbrennst du doch sowieso jedes Mal für mich.“
„Halt die Klappe, du Arsch! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Du hast mich verlassen und jetzt kommst du hier her und erlaubst dir all das hier? Was glaubst du, was ich bin? Deine persönliche Hure?“
Sein raues Lachen bescherte ihr einen heißen Schauer, der sie leicht zittern ließ.
Verdammt! Wieso hatte er nur immer noch solch eine Wirkung auf sie? Sie müsste ihn hassen, ihn verteufeln, ihn verabscheuen… Und dabei sehnte sich jede Faser ihres Körpers nach ihm. Das war doch nicht mehr normal!
„Meine Hure, wie abwertend du über dich selbst redest, meine Schöne.“
Zärtlich strich er ihr über die Wange, ließ den Daumen sogar über ihre Unterlippe gleiten, was sie zum Anlass nahm, ihn einfach zu beißen und ihn mürrisch anzufunkeln.
Doch statt, dass er sie losließ, begann er einfach nur wieder zu lachen. Dieser Mistkerl!
„Du sollst abhau…“
Jedes weitere Wort blieb ihr in der Kehle stecken, weil er sich einfach zu ihr vorbeugte und sie küsste. Er nahm ihren Mund gefangen, wie er auch schon ihren Körper vor jeder Flucht abhielt und küsste sie mit einer Leidenschaft, die ihre Knie weich gemacht hätten, wäre sie noch gestanden.
Seine Zunge schlüpfte einfach zwischen ihren Lippen hindurch und markierte nur zu deutlich ihr Territorium.
Alles in ihr fühlte sich auf einmal wie unter Strom an und Wut und Begehren vermischten sich miteinander.
„Ich wollte dich niemals verlassen. Ich musste“, murmelte er gegen ihre Lippen, als er sie endlich wieder entließ.
Ihr Atem ging stoßweiße, prallte auf seine sinnlichen Lippen, zeigte nur zu deutlich, wie einfach es ihm gelang, sie heiß zu machen und doch würde sie ihm kein Wort glauben.
„Klar. Wollte dein neustes Flittchen dich nicht mit mir teilen? Oder hattest du einfach die Schnauze voll von mir? Natürlich, kann ich verstehen, eine gebrochene Frau ist ja auch nichts für den ach so super tollen Wächter der Leoparden!“
Drew fixierte sie, ließ sie keinen Moment aus den Augen, während sie ihn anfuhr.
Nur einen Augenblick später lagen seine Lippen hungrig und gierig wieder auf ihren und sie versuchte sich irgendwie von ihm zu lösen, doch es gelang ihr nicht.
Aber, wollte sie das überhaupt?
Gott, natürlich willst du das! Er hat dich verletzt, dich hintergangen, dich alleine gelassen, als du ihn am meisten gebraucht hättest! Und jetzt, kaum, dass er vor dir steht und sich ein bisschen dominant verhält, bist du schon wieder Wachs in seinen Händen! Wach auf! Er legt dich jetzt flach und dann haut er wieder zu seiner neuen Schlampe ab!
Selina stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, denn ihr Hinterstimmchen hatte absolut recht! Kräftig biss sie ihm in die Zunge, sodass er fluchend von ihrem Mund abließ und sie entnervt anblickte.
„Was?“
„Was? Bist du bescheuert? Kommst hier einfach reinspaziert, als wäre nichts gewesen und willst mich dann allen Ernstes auch noch flach legen? Träumt weiter! Und jetzt hau ab, oder ich…“
Ihre Tirade wurde von einem Herz zerreißenden Weinen unterbrochen, das auf einmal das ganze Haus durchdrang.
„Oh nein. Lass mich sofort los!“
Und dieses Mal ließ er sie tatsächlich runter, trat zwei Schritte zurück und hob die Hände an, als wolle er ihr zeigen, dass er nichts tun würde, um sie aufzuhalten.
Selina bedachte ihn mit einem giftigen Blick, dann lief sie an ihm vorbei und die Treppe hoch in den ersten Stock, wo sie in der zweiten Tür rechts verschwand.
Drew blieb für einen Moment alleine in der Küche zurück, fragte sich, was hier los war, dann folgte er ihr neugierig und mit flauem Gefühl im Magen nach oben; nicht sicher, ob er sehen wollte, wer da weinte oder nicht.



Als er die Küche verließ, hörte er bereits Selinas unmelodisches Summen und musste leicht lächeln. Sie war wunderschön, talentiert, was Designs und Mode betraf, aber singen konnte sie einfach nicht, ganz gleich, wie viel Mühe sie sich dabei gab. Dennoch, er liebte es, wenn sie summte, weil sie dann unbeschwert war und ihm war es gänzlich gleich, ob sie einen Ton traf oder nicht, denn darum ging es gar nicht.
Er lief die Treppe hoch und blieb sprachlos im Türrahmen stehen, während er sich fragte, ob er träumte oder das Bild vor ihm tatsächlich echt war.
Selina stand seitlich zu ihm, auf den Armen hatte sie ein kleines Kind, welches den Kopf auf ihre Schulter gelegt hatte und genießend die Augen geschlossen hielt, jetzt, wo ihn Selina beruhigt hatte.
Seine Gefährtin wirkte so selbstvergessen und zufrieden, genauso wie der kleine Mann in ihren Armen, während sie langsam und noch immer summend begann, durch das Zimmer zu laufen.
„Schlaf, mein Schatz, schlafe ein, Mama ist hier und hält dich im Arm. Schlaf, mein Herz, schlafe ein. Mama beschützt dich auch vor dem schwarzen Mann“, murmelte sie leise vor sich hin, während sie zärtlich das kleine Köpfchen streichelte.
Drew beobachtete dieses Schauspiel fasziniert und seine Mund wurde ganz trocken. Dieses Bild, das sich ihm bot, es war so schön und brachte sein Herz aus dem Rhythmus, weil er sich die letzten zwei Jahre nach einer eigenen Familie gesehnt hatte. Nach einem Kind, dessen Mutter seine Gefährtin war.
„So und jetzt lege ich dich zurück ins Bettchen und du wirst schlafen, ja, mein Schatz? Morgen früh darfst du mich wieder wecken und wird werden ganz viel Spielen, aber jetzt musst du ein braver Junge sein und Mama etwas klären lassen.“
Vorsichtig legte sie ihren Sohn wieder in sein Bettchen und strich ihm sanft über die Wange, bevor sie ihm einen Kuss auf die Stirn hauchte und noch einen Augenblick am Bett stehen blieb, um sich zu vergewissern, dass er schlief.  Erst dann verließ sie das Kinderzimmer und zog Drew mit sich, weil er da wie festgewachsen stand und sich anscheinend nicht rühren wollte.
Selina dirigierte ihn ins Arbeitszimmer, das Schlafzimmer kam überhaupt nicht in Frage!
„Und du, du blöder Panther, wirst jetzt gefälligst Rücksicht auf mein Kind nehmen und deine Stimme leiser halten! Wieso bist du überhaupt noch hier? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst abhauen?“
Als hätte sie sich verbrannt, ließ sie ihn sofort wieder los und wollte ihn mit ihren Blicken erdolchen.
„Wer ist der Vater?“
„Das geht dich nichts an. Verschwinde aus meinem Leben! Hier ist kein Platz mehr für dich.“
Selina verschränkte die Arme vor der Brust und wollte eigentlich nur noch ins Bett. Sie war müde, sie brauchte Schlaf und er hatte die Frechheit, sie davor zu bewahren. Sie war ja schon froh, dass Liam wieder schlief und hoffentlich auch diese Nacht durchschlafen würde.
Drew verengte die Augen, packte sie mit beiden Händen an der Hüfte und hob sie einfach hoch, als würde sie nichts wiegen. Im Vergleich zu dem, was er bei seinem Training stemmte und mit welcher Kraft er sich in die Kämpfe stürzte, dann wog sie tatsächlich nichts.
Er lief die drei Meter bis zum Arbeitstisch und setzte sie auf die Platte, seine Hände stemmte er rechts und links neben ihre Oberschenkel und funkelte sie gefährlich an.
„Selina, du wirst mir auf der Stelle sagen, wer der Vater deines Sohnes ist und wo sich dieses Arschloch aufhält, der dich mit ihm alleine gelassen hat! Jetzt!“
Auf Selinas Gesicht erschien ein Lächeln, so breit, wie er es die letzten Stunden auf der Party nicht gesehen hatte. Ihre Züge wurden weicher und sie lehnte sich entspannt zurück, die Hände hinter sich aufgestützt, um nicht auf dem Tisch zum Liegen zu kommen.
„So? Werde ich das? Was wirst du aus dem armen Mann machen, wenn ich dir jetzt seinen Namen verrate?“
„Ihn aufsuchen, ihm die Knochen brechen und ihn kastrieren, weil er allen Ernstes die Dreistigkeit und Unverfrorenheit besitzt, dich mit einem kleinen Jungen alleine zu lassen, statt dir zu helfen! Wo ist dieser Mistkerl?“, knurrte Drew aufgebracht, dabei war sein Gesicht ihrem sehr nahe und sein Grollen war gefährlich.
Jeder andere wäre bereits bei der ersten Frage mit der Wahrheit herausgeplatzt, aber nicht seine Selina.
Sie blieb entspannt in ihrer Haltung, zog nur den rechten Arm nach vorne und stach ihm mit dem Zeigefinger in die Brust.
„Andrew de Wynter, so lautet der Name des Mistkerls. Und jetzt will ich sehen, wie du dir deine Knochen brichst und dich kastrierst. Oder soll ich dir zu Hand gehen?“
Ihr Lächeln wurde süß und unschuldig, als würde sie ihm nicht gerade vorschlagen, ihn seiner Männlichkeit zu berauben.
Drew entglitten jegliche Gesichtszüge. Sprachlos sah er sie einfach nur an, nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen, während sie leise zu lachen begann. Anscheinend zufrieden damit, ihn schockiert zu haben.
„Das ist ein Scherz!“
„Nein, Drew, ist es nicht. Als du mich vor dem Riesenrad verlassen hast, war ich bereits in der dritten Woche schwanger. Da wusste ich es aber nicht, weil ich mir egal war. Ich habe gar nicht gemerkt, dass mein Hormonhaushalt durcheinander geriet, weil ich nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Erst, als ich von der Bildfläche verschwand, weil die Reporter mich nicht mehr in Ruhe ließen und auflauerten, weil ich angeblich Magersüchtig geworden war, fand ich heraus, dass ich schwanger bin. Im vierten Monat bereits!“
„Verdammt!“
Drew stieß sich wütend ab und fuhr sich fahrig durch das hellbraune Haar.
„Wieso hast du mich nicht angerufen? Oder wenigstens geschrieben? Ich wäre doch sofort gekommen und hätte dir geholfen!“
„Natürlich, als würde ich angekrochen kommen und dich um Hilfe bitten! Drew, du hattest mir das Herz rausgerissen und ich trug dein Kind in mir. Glaubst du, ich wollte dich sehen? Aber Liam… Liam habe ich vom ersten Moment an geliebt, weil er der Beweis war, dass meine Liebe zu dir doch nicht so falsch gewesen sein konnte, wenn daraus ein Kind entstand. Aber denkst du wirklich, ich hätte vor dich treten können, um dir zu sagen, dass du Vater wirst?“
Selina sprang vom Schreibtisch, weil er sie nicht mehr darauf gefangen hielt und reckte sich nach oben, was sie aber nicht größer oder gar imposanter machte. Er überragte sie immer noch um mindestens einen Kopf.
„Warum nicht? Keins meiner Worte hätte dich davon abhalten sollen, zu mir zu kommen, als du meine Hilfe gebraucht hast!“
Selina sank in sich zusammen, ihr Gesicht verlor alles Anklagende.
„Ich hatte Angst. Angst, dass du mir unterstellst, dass Liam nicht von dir ist. Angst, dass du mich wegschickst. Aber noch mehr hatte ich Angst, dass du mich zurücknimmst und heiraten möchtest, nur weil ich schwanger war. Ich… Ich wollte dich nicht an mich binden, wo du doch kein Interesse mehr hattest.“
Selina wich seinem Blick aus, weil sie sich nicht traute ihn anzusehen. Es hatte so weh getan, als er sie einfach hatte stehen lassen, mit all diesen hässlichen Worten, die in ihr nachgeklungen hatten, da hatte sie nicht den Mut aufbringen können, ihn irgendwie zu kontaktieren.
Außerdem… sie hatte sich vorgenommen, sich nie wieder abhängig von einem Mann machen zu lassen und das würde sie auch nicht tun!
Sie straffte sich wieder und sah ihm direkt in die blauen Augen.
„Aber das ist jetzt auch egal, denn ich habe es mit der Hilfe meiner Eltern geschafft, Liam zu bekommen und er ist auch ohne Vater recht gut die letzten 1 ½ Jahre zurechtgekommen. Ich will dich nicht in meinem Leben haben, Drew.“
„Willst du nicht oder kannst du nicht?“
Er sprach ganz ruhig, fast schon entspannt, als wäre jede Spannung aus seinem Körper gewichen und er nun auf einmal wieder mit sich im reinen, obwohl sie das nicht verstehen konnte. Wieso blieb er so ruhig, wo sie doch wusste, wie wichtig ihm Familie war?
„Beides.“
„Nein, Lina, du möchtest mich wieder in deinem, in eurem Leben haben. Du kannst mir nur meine Worte nicht verzeihen und hast Angst, dass ich dich noch einmal so verletzen könnte. Das versteh ich, aber nimm mir bitte nicht mein Kind.“
Drew legte seine Hände auf Selinas Wangen, bevor sie reagieren konnte und trat noch einen Schritt näher an sie heran, sodass ihre Oberweite leicht seine Brust bei jedem Atemzug streifte.
„Glaub mir, ich hätte diese hässlichen Worte niemals gesagt, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass es das Beste für dich ist.“
„Das Beste? Was, mich zu zerstören und kurzzeitig in eine Depression verfallen zu lassen?“
Ein beinahe hysterisches Lachen entkam ihr, doch er schüttelte nur den Kopf.
„Es tobte Krieg zwischen den Luchsen und uns. Die Kämpfe wurden immer brutaler, das Dorf in den Bergen rückte immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und du warst und bist mein schwächster Punkt. Nachdem Alexia entführt worden war, wollte ich nicht, dass dir das gleiche zustößt. Ich würde es nicht überleben, wenn ich dich tot finden würde. Du bist alles für mich und als ich dich an jenem Tag verließ, so geschah das zu deinem Schutz, nicht, weil ich es wollte. Ich musste dich gehen lassen, um dich vor der Gefahr zu bewahren. Lina, ohne dich bin ich gefangen in mir selbst. Meine animalische Seite kratzt an der Haut der Zivilisation und möchte ausbrechen, quälen, morden, Leid zufügen, zerstören. Du bist die Einzige, die jemals an meiner Seite bestehen kann, weil du sowohl Mann, als auch Tier beruhigst und anheizt. Weil du mir meinen Frieden bringst. Ich wünschte so sehr, dass ich bei deiner Schwangerschaft dabei gewesen wäre. Ich wäre gerne mit in den Kreissaal gekommen, hätte deine Hand gehalten und dann Liam dabei beobachtet, wie er langsam gewachsen wäre. Ich habe dich all das alleine durchstehen lassen. Es tut mir leid, dass ich es dir aufgebürdet habe. Aber bitte, schließ mich nicht aus, nicht aus deinem Leben, aber auch nicht aus Liams.“
Er verstummte, sein Blick so warm und weich, dass ihr Herz einen Satz machte. Er sah sie so liebevoll an, wie vor zwei Jahren. Als wäre sie sein größter Schatz, den er niemals teilen würde.
„Ich verspreche dir, dass ich da sein werde. Für dich, für Liam und ich werde mich bemühen, all den Schmerz, den ich dir zugemutet habe, gut zu machen. Selina, gib mir eine Chance, eine letzte Möglichkeit dir zu zeigen, wie sehr ich dich liebe.“
Selina wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. So oft hatte sie sich vorgestellt, wie er zu ihr zurück kam, sie darum anflehte, dass sie wieder mit ihm zusammen war und jedes Mal hatte sie ihn in ihren Vorstellungen abgewiesen, davon gejagt, wie eine streunende Katze.
Aber die Realität sah anders aus, egal, wie sehr sie es sich wünschte, stark zu sein.
In Wahrheit brauchte sie ihn. Brauchte seine Stärke, seine Liebe, seine Zuversicht, seine Dominanz. Brauchte es, dass er sie beschützen wollte, genauso wie sie die Zankereien mit ihm brauchte.
Als Drew sich langsam zu ihr runter beugte, die letzten Zentimeter zwischen ihnen vernichtete, tat sie nichts dagegen. Sie ließ es zu, als er zaghaft seine Lippen auf ihre legte und sie behutsam küsste, als wäre sie aus Porzellan.
Ihre Augen fielen zu und ihre Hände wanderten auf seine Handgelenke, während er mit den Daumen sanft über ihre Wangen streichelte.
Dieser sanfte und zarte Kuss verschloss die Risse in ihrem Herzen langsam, aber sicher. Er schafft es nicht, die tiefen Gräben zu füllen, aber die kleinen Risse wurden repariert.
„Erlaub mir, meinen Fehler wieder gut zu machen.“
„Okay. Sonst komm ich auf das Angebot zurück, dass du dich selbst kastrierst.“
Drew konnte nicht anders, als aufzulachen und sie fest an seine Brust zu ziehen.
„Versprochen. Wenn ich es noch einmal so sehr verbocke, dann darfst du dich mit einem Messer an mir austoben.“
Er war wieder daheim. Sein Herz war zu ihm zurückgekehrt und hatte ihm dabei noch das schönste Geschenk überhaupt mitgebracht.
Seine Gefährtin war zurück und nun hatte er einen Sohn.
Er hatte eine eigene, kleine Familie, die er mit seinem Leben beschützen würde. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen